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Projektarbeit Rhein-NeckarZukunft gestalten, Chancen ergreifen – durch erfolgreiche (Kriminal)Prävention

Fachtagung am 29. April 2010

Praktische Erfahrungen aus über 10 Jahren wissenschaftlich begleiteter Projektarbeit in der Rhein-Neckar-Region

Einleitung:

Bevor im nachfolgenden Artikel zentrale Aussagen ausgewählter Projekte vorgestellt werden, die in den letzten 12 Jahren von der Polizeidirektion Heidelberg initiiert und von mir wissenschaftlich begleitet und auch mitentwickelt wurden, möchte ich mit einem Beispiel aus einem dieser Projekte einsteigen, um der Theorie einen praktischen Bezug zu geben:

 

Einstiegsbeispiel:

 

Im Rahmen eines der Projekte wurde der Gemeindejugend ein Erlebnispädagogischer Tag angeboten. Um die im Ort problematischen starren Grüppchen, die sich untereinander feindselig gegenüber standen, zu sprengen, wurden die Gruppen zufällig zusammengestellt. In eine Gruppe kamen dabei zufällig zwei der im Ort besonders dominant und brutal geltenden 16jährigen Jugendlichen zusammen. Im Team waren außerdem 4 10-11jährige Mädchen, wovon die eine Gymnasiastin bereits öfter unter dem Terror der beiden Hauptschüler gelitten hatte und die drei anderen bis dahin gerade diesen beiden erfolgreich und aktiv aus dem Weg gegangen waren. Schon am Morgen gab es – angesichts der Gruppenzusammenstellung – Tränen, unter der Aufsicht der Begleitpersonen war das Risiko jedoch „kalkulierbar“. Die Aufgaben waren so gestellt, dass immer das ganze Team zusammenarbeiten musste und die Jungen erkannten schnell, dass sie sich selbst schädigten, wenn sie die jüngeren Mädchen tyrannisierten. Eine Station war der Pamper-Pole. Ein 8m hoher Baumstamm, an dem hintereinander 3 ausgewählte Teilnehmer hochklettern, sich oben aufstellen und letztlich einen Schritt herunter ins Leere machen mussten. Die 3 gewählten Teilnehmer wurden dabei von dem Rest der Gruppe mit Seilen gesichert. Sehr schnell hatte sich die Gruppe unter dem dominanten Jungeneinfluss geeinigt: Die drei jüngsten Mädchen mussten nach oben. Während das erste Mädchen ihre Sache recht flink und geschickt bewältigte, hatte die Zweite Angst, den letzten Schritt zu machen und sich frei auf die winzige wackelige Plattform zu stellen. Jetzt traten die beiden Jungen voll in Aktion. Plötzlich waren die üblichen Beschimpfungen und Drohungen vergessen. Ganz sensibel riefen sie dem Gruppenmitglied Mut zu, sagten, dass sie stolz wären, dass sie schon soweit gekommen war, dass sie den letzten Schritt schaffen würde, dass sie sich auf ihr Team verlassen könne. Nach langem Zögern schaffte das Mädchen schließlich den letzten Schritt. Von der Gruppe wurde sie danach gefeiert und als es zur Bewertung kam, traten die beiden Jungen argumentativ für das Zögern ein, bezeichneten als besonders mutig, weil ja Angst überwunden worden war, und weil alle zusammengehalten hatten. Direkt nach der Übung wurde die Gruppe von einem Journalisten abgefangen und nahezu druckreif „diktierte“ einer der beiden Jungen: Wir machen das hier, um besser zusammenzuhalten, damit wir uns gegenseitig besser akzeptieren und nicht mehr gegeneinander arbeiten. (Niemand hatte vorher die Jugendlichen über die Ziele der Aktion aufgeklärt). In einer zufälligen Begegnung am Ende dieses Tages erzählte mir das Mädchen, das am Morgen noch geweint hatte strahlend: „Jetzt hab ich nie wieder Angst vor den beiden, schließlich haben die mich gehalten, angefeuert und mein Leben gerettet.“

Dieses Beispiel soll vorausschauend einen Einblick in Problematiken und Präventionsarbeit bieten. Systematisch möchte ich nun Projekte kurz vorstellen, Untersuchungsmethodik darlegen, Ergebnisse interpretieren und Methoden entwickeln.

Kurze Vorstellung der Projekte:

Hier beschränke ich mich zunächst auf die Zielvorstellungen, da Ursachenforschung, Methodik und Ergebnisse zusammengefasst vorgestellt werden!

  1. Gewaltfreie Klasse als Konfliktschlichter/Geschwister-Scholl-Schule, St. Ilgen: Ziel war es hier, eine 8 Klasse in einem Jahr so zu trainieren/auszubilden, dass sie als Vorbilder für die Schule dienen, nicht wegschauen und jüngeren Schülern helfen
  2. Neulußheim: Arbeit mit der Gemeindejugend in Kooperation mit Schulen, Kindergärten, Jugendsozialarbeit, evangelischer Kirche: Ziel war es, insgesamt in der Gemeinde jugendliche Gewaltbereitschaft früh zu erkennen und Jugendlichen Alternativen zu geben. Anlass war hier die Tötung des Obdachlosen Johann Babies durch Kinder und Jugendliche der Gemeinde, wobei für viele Bürger dabei besonders schockierend war, dass nicht die typischen gewalttätigen Jugendlichen beteiligt waren sondern vielmehr Kinder mit guter Schulbildung die bis dahin nicht auffällig geworden waren.
  3. Klassenprojekt in Ketsch: Unterstützung einer Klasse, die aus 2 Klassen mit verschiedenen Führungsstilen zusammengelegt worden waren und ein hohes Aggressionspotenzial aufwies. Ziel war eine bessere Klassengemeinschaft und höhere Lernmotivation
  4. Gewaltlos Glücklich: Angebot an der Willi-Hellpach-Schule eines Coolness-Trainings (in Kooperation mit der Gesellschaft für Konfliktmanagement/Wiesloch). Ziele: Zunächst sollten „Helfer“ ausgebildet werden, die in einem weiteren Programm Jugendliche unterstützen, die durch Gerichte oder Jugendsozialarbeit die Auflage hatten, teilzunehmen.
  5. BVB – Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen: Unterstützung von Jugendlichen, die schwer in eine Ausbildung integrierbar sind und daher durch die F+U betreut werden

Gemeinsamkeiten der Projekte:

Allen Projekten war gemeinsam, dass Jugendliche lernen sollten, Konflikte gewaltfrei zu lösen bzw. dass die gewaltfreie Lösung von Konflikten innerhalb der Gruppe anerkannt wurde. Diese Unterscheidung mache ich bewusst: Viele Jugendliche sind längst in der Lage, sich adäquat zu verhalten, sie wenden diesen Verhalten jedoch nicht an, weil es keinen vielversprechenden Erfolg bietet, weil beispielsweise in der Gruppe Gewaltlösungen eher anerkannt werden. Dies lässt sich mit „Zweisprachigkeit“ vergleichen – auch wenn der Vergleich etwas hinkt, da schließlich die Beherrschung einer Sprache generell positiv ist- nicht aber die Sprache der Gewalt: Spreche ich Englisch und Deutsch, werde ich im englischsprachigen Raum auch mein Englisch anwenden, um verstanden zu werden. Ebenso wird ein Jugendlicher, der zur Gewalt fähig ist und ihm damit ein leichter Erfolg in einer gewaltbereiten Umgebung garantiert wird, auch Gewalt einsetzen. Das Eingansbeispiel zeigt deutlich, dass die Jungen nicht erst gelernt haben, Sprache einzusetzen und auf Gewalt zu verzichten, sie hatten es bereits gekonnt.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Jugendliche, denen andere Wege fehlen, die beispielsweise wenig Möglichkeiten haben, sich auszudrücken.

Dies möchte ich an Anton zeigen: Innerhalb des Coolnesstrainings war Anton: Anton schloss sich bewusst von der Gruppe aus, er lachte nicht mit den anderen und machte auch nur wenig mit – nur das Nötigste. Er griff zu weichen Drogen und klaute immer wieder Autos. In der Gruppe erschien er phlegmatisch und desinteressiert. Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, wenngleich er Migrationshintergrund hat. Der deutschen Sprache ist er akzentfrei mächtig, doch nutzt er sie wenig, antwortet höchstens in einem Wort, allenfalls in einem knappen Satz: In einer Übung meldet er sich freiwillig. Hier werden ihm im Sinne der Übung sehr persönliche Fragen gestellt. Die Mitglieder sind neugierig, - gerade weil er sonst verschlossen ist - und stellen schonungslos intime Fragen. Antwortet Anton nur knapp, fragen sie weiter. So ergibt sich nach ca. 30 Minuten eine ganze Geschichte, die er nie am Stück hätte erzählen können: Anton lebt im Heim, weil sein Vater – einziger erreichbarer Angehöriger - Körper- sowie psychisch behindert ist und nicht für ihn sorgen kann und darf. Der Vater wehrt sich gegen die Heimunterbringung, möchte seinen Sohn vor allem auch als Hilfe bei sich haben und kritisiert die Behörden. Als Konsequenz wird für Anton ein Besuchsverbot bei seinem Vater verhängt, er verliert den Kontakt zum einzigen Familienmitglied. Die Gruppenmitglieder empören sich über die „Ungerechtigkeit“, suchen nach einer Lösung, finden aber keine. Anton äußert nach der Stunde, wie froh er darüber ist, dass alle zu ihm halten, dass auch andere es als Ungerechtigkeit empfinden und dass auch wir nur Hilflosigkeit empfinden – er also nicht alleine hilflos ist.

Gerade bei Anton ist zu beobachten, wie wenig es ihm bis dahin selbständig gelungen ist, die Sprache als Mittel einzusetzen und sich mitzuteilen. Auch wenn er die Sprache beherrscht, war „Handeln“ seine Form der Mitteilung. Und diese Mitteilungsform fand auch in seiner Gruppe Anerkennung. So hatten ihn vorher alle für absolut „cool“ und resistent gegen Regeln gehalten – was schon im Vorfeld etwas über die Wertvorstellungen aussagt. Erst durch die gezielten Fragen und die Möglichkeit, kurz zu antworten, war Anton in der Lage, sich auszudrücken und selbst Zusammenhänge zu erkennen.

Auch dieses Beispiel greift bereits vor. Es zeigt eine Methode der Arbeit. Gerade in den obern genannten Programmen war es jedoch wichtig, nicht nur eine Methode zu finden und diese zum „Allheilmittel“ zu machen. Es wäre sicher schön, wenn es solch „Allheilmittel“ gäbe, doch scheint es wenig realistisch. Der Mensch ist zu vielfältig in seiner Persönlichkeit, als dass nur ein Mittel greifen kann.

Entwicklung und Einsatz eines Instruments

Um für jedes Projekt einen geeigneten Ansatz zu finden und speziell auf die Jugendlichen einzugehen, haben wir zunächst ein Instrument entwickelt, mit denen sich spezielle Probleme sehr zielgerichtet aufdecken lassen. Hier handelt es sich um die „künstliche Sozietät“. In Form von Kärtchen mit Bild und kurzer Charakteristik bekommen die Jugendlichen eine Gruppe mit 8 Personen ihrer Altersklasse vorgelegt. Dabei haben jeweils 4 der beschriebenen Personen Eigenschaften, die der Gesellschaft nutzen (sie sind sozial, lernbereit, realistisch in ihren Vorstellungen etc./=positive Werte). Die 4 anderen Personen haben Eigenschaften, die eine Gesellschaft schädigen (sind gewalttätig, nehmen Drogen, mobben andere, überschätzen sich etc./=negative Werte)

Die Teilnehmer bekommen nun einen Fragebogen zu dieser künstlichen Gruppe. Es wird gefragt, wer ihrer Meinung nach die Gruppe anführt, wer Außenseiter ist aber auch, wen sie sich als Freund wünschen, wer ihnen selbst am ähnlichsten ist und welche Personen typisch für ihre eigene Gruppe sind.

Vorteil dieses Instruments liegt darin, dass es die Jugendlichen eher spielerisch benutzen, dass es unzählige Kombinationen bietet (pro Frage alleine 256 verschiedene Möglichkeiten), d. h. Teilnehmer nicht auf sehr begrenzte Antwortmöglichkeiten angewiesen sind und dass es dennoch gut auswertbar ist. Viel wichtiger jedoch ist, dass die Teilnehmer die Gelegenheit haben, ihre eigene Gruppe mit inneren Strukturen abzubilden, ohne sich selbst beobachtet zu fühlen oder das Gefühl haben, Erwünschtes antworten zu müssen. Durch Kontrollfragen und innere Logik lässt sich darüber hinaus auch für jeden Fragebogen feststellen, inwieweit er ernsthaft beantwortet wurde. Zur Datensicherung wurden zusätzlich immer auch Befragungen und Beobachtungen durchgeführt.

Zusammenfassung zentraler Ergebnisse

In allen 5 Projekten ließ sich zunächst feststellen, dass die Werteordnungen sozietätschädigend orientiert waren. Gerade gewaltbereite, drogenkonsumierende oder kriminelle Jugendliche setzten sich eher durch während intelligente Mädchen oder soziale Jungen das Nachsehen hatten und als Außenseiter wahrgenommen wurden. Hier lässt sich feststellen, dass vor allem ein künstlicher Lebensraum wie Schule dies zulässt. Eine Familie, ein Verein oder eine Firma würde mit einem solchen Wertesystem kaputt gehen. Beachtlich in diesen Untersuchungen war aber auch, dass sich der Großteil der Teilnehmer mit solchen Werteordnungen nicht identifizieren konnte. Soweit nachprüfbar, nahmen sie sich weitgehend sehr realistisch wahr, zählten sich selbst nicht zu der Negativgruppe und wünschten sich vor allem Freunde mit positiven Werten. Dies zeigt, wie groß der negative Einfluss einzelner auf die gesamte Gruppe ist, positiv ausgedrückt heißt es aber gleichzeitig, dass einem Großteil offensichtlich nur die Möglichkeit fehlt, nach den eigenen, positiven Werten zu handeln oder durchzusetzen, dass sie sich eher hilflos scheinbarer Macht beugen.

Ein weiterer logischer Schluss liegt hier nahe: Die offensichtlich negative Werteordnung ist nicht die Ursache für Gewalt sondern vielmehr selbst ein Symptom, das wiederum in den Teufelskreis Gewalt führt. Gewalt führt zu diesen Werteordnungen, indem sich der Brutalste durchsetzt. Im Rahmen der Forschung haben wir daher weiter nach Ursachen geforscht, die ich hier in gesellschaftliche, sozialstatusabhängige und erzieherische Ursachen einteilen möchte. Diese Einteilung bietet Überschneidungen und Abhängigkeiten, ist also nicht perfekt sondern lediglich ein Hilfsmittel, um geeignete Ansätze zu finden. So lässt sich am ehesten im Bereich der Erziehung eingreifen, gleichzeitig nimmt aber langfristig auch die Erziehung Einfluss auf Gesellschaft und Sozialstatus, kurzfristig bietet Erziehung aber auch Möglichkeiten, mit gesellschaftlichen oder sozialen Problemen umzugehen. Kurz möchte ich die zentralen Erkenntnisse in diesem Bereich darstellen und jeweils auf den Zusammenhang mit den negativen Werteordnungen und Möglichkeiten der Veränderungen eingehen.

Gesellschaftliche Probleme:

Zunächst zu gesellschaftlichen Problemen:

 

Jugendliche als Rentenversicherung?

„hey, warum kapieren es die Alten eigentlich nicht. Ich hab doch kein Bock, nur deren Rentenversicherung zu sein. Ich lebe jetzt und nicht später“ sagt innerhalb des Neulußheimer Projekts ein Jugendlicher in einer Befragung. Sieht, hört und liest man die Medien, so haben Jugendliche tatsächlich vor allem einen (positiven) Stellenwert in der Zukunftsplanung der Gesellschaft. Der Geburtenrückgang wird beklagt, weil uns dann die Rentensicherung ausgeht, das Bruttosozialprodukt sinken wird, nicht aber, weil uns der Einfluss der Jugend auf anderen Gebieten fehlen würde. Ihren eigenen momentanen Stellenwert in der Gesellschaft empfinden Jugendliche also eher als gering, sie haben wenig Chancen auf eine „vollwertige Mitgliedschaft“ und so ist es nicht verwunderlich, dass sie nach eigenen Gesellschaftsformen suchen, in denen sie „jetzt“ wichtig sind. Als Konsequenz für die präventive Arbeit bedeutet dies, wir müssen Jugendlichen einen echten Platz in der Gesellschaft anbieten. Dies gilt sowohl für Jugendliche sozial schwacher Familien wie für die sogenannten „verwöhnten“ Jugendlichen, die nur bekommen, nicht aber geben müssen und sich daher überflüssig fühlen.

Der Wunsch, etwas zu bewirken und Verantwortung zu tragen

Dies ist eng verzahnt mit dem nächsten Punkt: Ein ausgesprochen begabter Jugendlicher des Coolnesstrainings, der als Helfer ausgebildet wird und einen sehr besonnen vernünftigen Eindruck macht – allerdings zeitweilig durch extreme Jähzornsausbrüche auffällt – sagt zu seiner Lebensplanung folgendes: „Ich möchte etwas bewirken in der Welt, ich möchte die Welt verändern und alle sollen an mich denken. Und wenn mir das nicht gelingt, dann möchte ich zerstören, damit alle an mich denken oder nichts mehr da ist“. Zunächst klingt die Aussage psychisch schwer krank und er sagt es in einer Intensität, in der es nicht nur glaubwürdig ist, sondern auch unter die Haut geht. Doch ist er in dieser plastisch-deutlichen Aussage gar nicht so weit weg von anderen Jugendlichen. Evolutionär gesehen ist dies sogar begründbar: bis ca.12 Jahre ist das menschliche Gehirn auf Lernen programmiert. Dann nimmt die Phase des schnellen Lerngewinns zugunsten von anderen Fähigkeiten ab. Der Jugendliche ist jetzt in der Lage zu verknüpfen, zu Handeln und das Gelernte sinnvoll anzuwenden. Unsere Gesellschaft aber, die es sich – noch – leisten kann, die Lernphase auszudehnen, beschränkt ihn weiterhin auf das Lernen. Das Handeln bleibt im Hintergrund. Viele Familien beschützen ihre Kinder sogar vor der lästigen Pflicht des Handeln-Müssens. Da werden Zimmer von fürsorglichen Müttern aufgeräumt, damit der Sohn genügend Zeit zum Lernen für die Mathearbeit hat und der platte Fahrradreifen der Tochter wird im Bike-Shop repariert, da sie sinnvoller Englischvokabeln für eine positive Zukunftskarriere lernt. Aufgaben in der Familie (Abwasch, Saugen, Gartenarbeit etc.) sind in vielen Familien ohnehin nicht mehr vorgesehen. Dies klingt zynisch und ein wenig klischeehaft, doch trifft es den Kern. Viele Jugendliche – doch bei weitem nicht alle – haben so eine Defizit an erfolgreichem Handeln. Dieses Defizit wird – Gott sein Dank – von Sportvereinen, JRK, Jugendfeuerwehr etc. kompensiert – jedoch nicht ausreichend und nicht für alle. Können sie nicht täglich etwas „Kleines“ bewirken, so wächst das Bedürfnis immer mehr und die Ansprüche werden immer größer. Und kann der Wunsch, etwas Positives zu bewirken nicht umgesetzt werden, so bleibt nur zerstörerische Gewalt, mit der sichtbar verändert wird. Und diese findet wiederum Anerkennung oder Unterwerfung durch andere Jugendliche, was sich auf die Werteordnung auswirkt. In Schule und Gesellschaft müssen daher Gelegenheiten geschaffen werden, diesem Potenzial nachzukommen.

 

Soziale Probleme

Ich möchte nun zu den Faktoren kommen, die sich vor allem bei Jugendlichen aus sozial schwierigem Umfeld ermitteln ließen:

Zukunftschancen und Zukunftsängste

Zunächst zu nennen sind hier die negativen Zukunftschancen. „Ihr werdet ohnehin später alle einmal unter der Brücke schlafen müssen“ Sagt innerhalb eines der oben genannten Projekte ein Lehrer zu einer Gruppe Jungen, bei denen zwei Väter arbeitslos sind, die anderen Niedrigstverdiener. Zu einem Mädchen sagt der gleiche Lehrer „du bist so dumm, dass du später mal höchstens deinen Körper verkaufen kannst“. Die Aussagen lösen Empörung aus und sie verletzen die Betroffenen. Doch wie viel humaner ist eine Aussage wie „streng dich an und lerne, sonst bekommst du später keinen Job“ nach einer verhauenen Arbeit? Schwache Schüler hören es täglich von Lehrern und Eltern. Wie das mit dem „Anstrengen“ geht, wissen sie aber oft nicht. Hinzu kommen dann Berichte in den Medien von hoher Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit etc. Wird dann noch in der eigenen Familie Armut und Arbeitslosigkeit erlebt, lohnt es sich aus Sicht des Schülers kaum noch, sich anzustrengen. Er fühlt sich wie in einem Hamsterrad, in dem er sich abstrampelt, ohne je zum Ziel kommen zu können. Und wenn er nicht gerade Spaß am „Strampeln“ hat, erscheint es sinnvoller, entweder aufzugeben oder das Rad zu zerstören um vielleicht zu fliehen. Gerade also Schüler aus sozial schwachen Familien erleben nirgends Hoffnung auf eine positive Zukunft. Gerade in unseren Untersuchungen waren so die Zukunftsängste schon bei 12-jährigen extrem hoch und es ist letztlich egal, ob es vernichtend (wie in der Aussage des Lehrers oben) gemeint ist, oder motivierend wie „streng dich an, sonst hast du keine Zukunft“, für die Jugendlichen bleibt die gleiche Angst und teilweise der Wunsch, diejenigen zu zerstören, die ihnen scheinbar die Zukunftschancen nehmen: bessere Schüler oder Lehrer.

Das Fehlen von Vertrauenspersonen

Ebenso ließ sich nachweisen, dass gerade in sozial schwierigen Familien Jugendlichen Vertrauenspersonen fehlten. Vorbilder waren unerreichbar und es fehlten direkte Ansprechpartner bei Problemen. So wurde einem Jugendlichen während des Coolnesstrainings geraten, seine Probleme vielleicht bei dem Vertrauenslehrer anzusprechen. Hier machte er folgende Aussage: „Der Typ ist ganz o.k. aber vom Leben hat der keine Ahnung. Wenn ich morgens in der Schule sitze, hat der keine Ahnung, welche „Scheiße“ ich dann schon hinter mir habe. Da haben die in meinem Viertel schon zehnmal versucht mich abzuziehen und ich hab` schon ein paar Leuten eins auf die Nuss geben müssen. Der würde dann nur wieder sagen „Gewalt ist keine Lösung“. Aber der würde nie heil in der Schule ankommen, wenn er bei uns wohnen würde. Das ist die wirkliche Welt.“ Hier zeigt sich deutlich, wie in vielen anderen Gesprächen auch, dass Jugendliche durchaus einen Rat möchten, jedoch nur von jemandem, der auch ihre Situation kennt, nicht jemandem, der seine eigene Situation als Sollwert anpreist. In ihrem eigenen Umfeld erleben sie eventuell eine Werteordnung, in der sich der physisch Stärkste durchsetzt und der sie sich anpassen müssen. Diese erworbenen Stärken werden dann auch in Schule und Gesellschaft eingebracht.

Wertewidersprüche

Hier lässt sich logisch ein weiterer Punkt ableiten: Nämlich dass sich Schule und Zuhause in den Werten widersprechen. Durchaus fordern die Eltern auch in sozial schwachen Familien oft gute Schulleistungen, diese sind jedoch zeitweilig völlig unrealistisch, nicht zu leisten vom Jugendlichen und es fehlt jegliche Unterstützung. Die Schule dagegen sieht ihre Forderungen realistisch, fordert dafür aber positives Sozialverhalten. Beides jedoch widerspricht sich, wenn die Leistungen nicht ausreichen. So z. B. bei Dimitri, einem russische Aussiedlerjungen. Beide Eltern haben keine Arbeit, wohnen in beengten Wohnverhältnissen und sehen ihren Sohn als Zukunftsplanung. Ihm sollen alle Möglichkeiten offen stehen. Nach der Hauptschule soll er ans Gymnasium, Abitur machen und Zahnarzt werden. Dimitris Leistungen reichen dabei gerade für einen knappen Hauptschulabschluss. Also stört er den Unterricht und terrorisiert soweit wie möglich Lehrkräfte und erpresst Hausaufgaben von anderen Schülern. Er hindert somit andere an der Leistung und macht die Lehrkraft zum Feind. Positives Sozialverhalten würde ihn zum „Verlierer“ machen, so aber hat er Macht in der Klasse, schafft „Gefolgsleute“ oder Angst. Hier konnten – im Rahmen des Projekts - vor allem die Klassenkameraden gestärkt werden, die unter seinem Verhalten litten.

Fehlender Realitätsbezug

Ein weiterer Punkt wird durch Dimitris Beispiel deutlich, der ganz besonders Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen trifft. Neben der oben beschriebenen Resignation und Hoffnungslosigkeit gibt es auch das andere Phänomen: Die völlig überhöhten Wünsche: Die eigene Firma, die Millionen abwirft, die Frauen zur freien Auswahl und die Villa mit Pool. Schulwissen ist dabei überflüssig. Unsere Untersuchungen zeigten, dass genau diesen Schülern auch zugetraut wurde, eine positive Zukunft zu haben und sie erhielten bereits im Vorfeld Anerkennung, wobei die Untersuchungen in Neulußheim dies nicht bestätigten, der einzigen Gruppe die sehr gemischt war und nicht hauptsächlich aus sozial schwierigem Umfeld kam.

Erzieherische Probleme

 

Ich komme nun zu den erzieherischen Problemen, die wir aufdecken konnten. Für mich die wichtigsten Ergebnisse, da hier sehr gezielt eingegriffen werden kann und Probleme gleich bei der Wurzel angepackt werden können. Ich beginne hier ganz provokativ:

 

Selbstbewusstsein

Eines der Erziehungsziele der letzten Jahrzehnte, auf die die moderne Pädagogik sehr stolz ist, müsste neu überdacht werden: Das Selbstbewusstsein!

Untersuchungen haben ergeben, dass selbstbewusste Menschen erfolgreicher sind als diejenigen, die wenig Selbstbewusstsein haben. Diese Untersuchungen sind so bekannt, dass nicht nur alle Pädagogen sie kennen, sondern auch zahlreiche Eltern. Und jetzt wird Selbstbewusstsein auf „Teufel komm´ raus“ andressiert. Dabei spielt keine Rolle, dass Selbstbewusstsein eigentlich die Fähigkeit ist, sich selbst realistisch wahrzunehmen, mit eigenen Stärken aber auch Schwächen und dass dies aus den Erfahrungen der Bewältigung des Alltags resultiert. Es wird eher eine „Expressweg“ der Erziehung gewählt, bei dem jedem Kind gesagt wird, dass es einfach perfekt ist. In Kindergarten und Anfangsunterricht funktioniert dies. Es besteht eine Kunstwelt, die für die Kinder geschaffen ist und in der sich jeder als „Bester“ fühlen kann, Kinder, Eltern und Pädagogen zufrieden sind. Wer jedoch von sich glaubt, „perfekt“ zu sein, lernt nicht, an sich zu arbeiten. Stößt er auf Konflikte, so ist automatisch der andere Schuld, wer den Anforderungen in der Schule nicht gewachsen ist, sich selbst aber für perfekt hält, wird – statt zu lernen, die Anforderungen für falsch halten. Und durch die fehlende Fähigkeit, an sich zu arbeiten und sich anzupassen sind Konflikte vorprogrammiert. In manchen Fällen führt dies zu Resignation und schließlich zu dem Verlust des jeglichen Selbstbewusstseins in anderen Fällen aber zur Gewalt. Die Umwelt muss gewaltsam verändert werden, damit sie wieder passt. Hier das Beispiel eine Mutter am Runden Tisch „Schule“ in Neulußheim: Sie hat 2 Söhne, der eine ist 14 und zunehmend „schwierig“. Er lernt nicht mehr, stört den Unterricht und die Lehrer – so die Mutter – sehen ihn als Gewalttäter, der andere unter Druck setzt. Die Schuld gibt die Mutter den Lehrern, denn – so weiß sie zu erzählen – im Kindergarten und den ersten Grundschuljahren lief alles gut. Da waren die Pädagogen ihrer Meinung nach noch fähig, jetzt aber sind die Lehrer überfordert und wissen nicht zu motivieren. Das Bild, das sie von ihrem Sohn als Kind beschreibt, zeigt, dass eben gerade Selbstbewusstsein im Übermaß da war. Die ersten schlechten Ergebnisse im Mathetest, das verlorene Fußballspiel im Verein oder die Hauptschulempfehlung hätten ihm jegliche Motivation genommen. Auch hier wird transparent, dass ein enger Zusammenhang zur Werteordnung besteht: „Wert hat nur das, worin ich gut bin“ wird so zur Lebenseinstellung, wobei dem „Gut-Sein“ keinerlei Anstrengung gewidmet wird.

Nur der Täter bekommt Beachtung, das Opfer wird vernachlässigt

Ein zweites, viel beobachtetes Phänomen zeigt erzieherische Fehlhandlungen:

Bei meinem ersten Besuch in einer der Projektschulen erlebte ich folgendes: Um die Schule ein wenig besser kennenzulernen, war ich früher gekommen und beobachtete das Schulhofgeschehen. Hier bot sich folgendes Bild: Ein ca. 10jähriger drückte einen etwa Gleichaltrigen in einem Streitgespräch plötzlich zu Boden, kniete sich auf ihn, nahm ihn an den Haaren und knallte seinen Kopf mehrmals auf den Steinboden. Eine Lehrerin „eilte“ hinzu, schrie den „Täter“ an und riss ihn vom Opfer. Das Opfer blutete am Kopf. Sie warf einen Blick auf den blutenden Jungen und schickte ein anderes Kind mit ihm in den Waschraum, um das Blut abzuwaschen. Dann war ihre Aufmerksamkeit wieder beim Täter. Nach einigen heftigen Vorwürfen, die der Täter lächelnd abschüttelte ging sie immer freundlicher werdend auf ihn ein. Signalisierte Verständnis für seine Wut und erklärte, dass dies dennoch kein Grund wäre, einen anderen zu verletzen. Das Opfer war vergessen. Im Anschluss erhielt ich folgende Erklärung: Der Junge wird zu Hause wegen schlechter Noten geschlagen und er war gerade frustriert, weil er ein schlechtes Diktat zurückbekommen hätte. Wenn die anderen ihn dann ärgerten, raste er manchmal aus, was ja nur zu verständlich sei. Über das Opfer wurde weiterhin kein Wort verloren. Es ist nachvollziehbar, dass im Umgang mit Konflikten Täter die größere Herausforderung sind. Werden Opfer jedoch vergessen, ist das ein klares Signal: Nur der Täter ist wichtig, nur der Täter bekommt Aufmerksamkeit und Gewalt setzt sich durch. Die Lehrerin hat sich damit zur heimlichen Komplizin dieses verkehrten Wertesystems gemacht. Aufgrund dieses Erlebnisses erarbeiteten wir mit unserer Klasse die Strategie, dass sie, als ältere Schüler das Schulhofgeschehen beobachten und in solchen Fällen helfend eingreifen. D.h. sie ignorieren den Täter und trösten das Opfer, helfen ihm oder begleiten es, um vor weiteren Angriffen zu schützen. In einer Nachbesprechung zwei Wochen später äußerte ein Schüler Folgendes: Das ganze war blöd, in den ersten drei Tagen lief es echt gut, aber dann gab es keine Schlägereien mehr und wir konnten nichts mehr tun.

Täter-Opfer-Entscheidung

In Hinblick auf Täter- Opfer möchte ich nun zu der letzten ermittelten Ursache kommen. Ich stelle dies bewusst an den Schluss, weil mich die Ergebnisse verblüfften und mir bisher eine wirklich passende Erklärung fehlt. Ich hoffe daher, Sie zum Nachdenken anzuregen: In einer Befragung hatte mir eine Jugendliche folgende These philosophisch dargelegt: „Irgendwann im Leben musst du dich entscheiden, ob du Opfer oder Täter sein willst, entweder du bleibst ewig Opfer oder du wirst eben zum Täter.“ Diese schwarz-weiß-Einteilung schien mir zunächst eine Extremmeinung, doch die Jugendliche behauptete, dass alle so denken würden. Ich baute die Frage daher in die Befragung der Neulußheimer Jugendlichen ein und kam zu dem Ergebnis, dass knapp 70% der Jungen diese Einstellung teilten, jedoch nur 6% der Mädchen. In den Befragungen bei den folgenden Projekten fanden sich sehr ähnliche Einstellungen. Da erwachsene Männer diese Einstellung bei Kontrollbefragungen nicht halten, lässt sich vermuten, dass hier Erziehung – eventuell auch Darstellungen in Medien – Einfluss nehmen (Falls die Medien hier eine Rolle spielen, wäre es Aufgabe der Erziehung, entgegenzuwirken). Unter dem Gesichtspunkt jedoch, dass Jugendliche glauben, sich zwischen Täter- und Opfer-Sein entscheiden müssen, ist es nachvollziehbar, dass sie „überleben“ möchten und daher das Täter-Sein bevorzugen und in einer Werteordnung der Täter „oben“ steht.

 

Resultierende Methoden

Unter den aufgeführten Gesichtspunkten, zu denen wir in den Untersuchungen kamen, haben wir jeweils zielgerichtet Programme aufgebaut oder ausgesucht. Ziel war es, die Werteordnungen umzustellen. Die wenigen Jugendlichen mit hoher Gewaltbereitschaft, die zu „Führungskräften“ in der Gruppe geworden waren, sollten „entthront“ werden. Um dies zu erreichen, wurden Aktivitäten initiiert, bei denen gemeinsame Ziele erreicht werden sollte, jedes Mitglied gebraucht wurde und verschiedene Begabungen gefordert waren. Gerade die gewalttätigen Jugendlichen hatten hier – zumindest mit ihren gewohnten Verhaltensweisen – keine Erfolge in der Gruppe und verloren so auch an Ansehen (siehe Eingangsbeispiel). Gleichzeitig sollten jedem Teilnehmer persönliche und echte Erfolge ermöglicht werden, um ein positives aber auch realistisches Selbstbewusstsein zu erzeugen und zu erleben, dass das eigene Verhalten Einfluss auf Erfolg und Misserfolg hat. Neben den persönlichen Erfolgen war immer auch wichtig, dass die Jugendlichen für positives Handeln Anerkennung bekommen und gemeinsames Handeln im Mittelpunkt stand. Die in der Verhaltesbiologie zentralen Motive „Flow“ (die Überwindung persönlicher Grenzen also), die Anerkennung als Aggressionspuffer und vor allem die Bindung standen im Mittelpunkt. Um nicht Gefahr zu laufen, die Jugendlichen nur zu manipulieren oder auch manipulierbar zu machen, war immer auch wichtig, Erfahrungen und Übungen zu reflektieren und auf den Alltag zu übertragen.

Generell gibt es hier unendlich viele Möglichkeiten für Aktivitäten. Spielerische oder Erlebnispädagogische Elemente, ebenso aber auch naturwissenschaftliches Forschen Theater oder Rollenspiele, Musik oder Filmprojekte oder auch Qualifikation z. B. in erster Hilfe. Aktionen sollten sich – neben den wahrscheinlich zentralen finanziellen Möglichkeiten - nach den Interessen der Jugendlichen aber auch nach den Fähigkeiten und Möglichkeiten der Initiatoren, Trainern oder Betreuern richten. Wichtig sind dabei – wie bereits ausgeführt – die gemeinsamen Ziele, das Erleben und Überwinden von Grenzen und die Anerkennung. Jugendliche erleben so Verantwortung für die Gemeinschaft, werden „wichtig“, haben die Chance Vertrauen zur Gruppe und auch den Betreuern zu fassen, lernen, sich realistisch einzuschätzen und gewinnen schließlich echtes Selbstbewusstsein. Letztlich werden dabei, wie in dem Anfangsbeispiel gezeigt, negative Werteordnungen unmöglich.

Ebenso wichtig ist dabei echte Wertschätzung. Dabei geht es nicht um antrainierte Rituale, die Wertschätzung simulieren. Vielmehr ist zentral, dass verschiedene Lebensumstände und verschiedene Begabungen auch verschiedene Herausforderungen darstellen. Und der Umgang mit diesen Herausforderungen verdient Wertschätzung. Für uns, die wir mit Jugendlichen arbeiten bedeutet dies zunächst, dass wir uns in die Situation der Betroffenen versetzen und versuchen zu erkennen, welche Herausforderungen im Einzelfall bewältigt werden müssen. Erst dann wird Wertschätzung ehrlich und damit auch glaubwürdig.

Abschließend ein vielleicht für viele von Ihnen selbstverständlicher Punkt, dabei aber auch der einzige Schlüssel zum Erfolg: Einzelne Projekte - egal welche - sind immer eine Abwechslung. Doch das ist nicht Ziel. Ebenso wenig ist es Ziel, zu erkennen, dass Werte verändert werden können. Wichtig ist nur ein Erfolg, der auch bleibend ist. Und dies kann nur erreicht werden, wenn Projekte weiter getragen werden, wenn an Regeln, Erfahrungen und Erfolge angeknüpft wird. Durch keine Methode werden Jugendliche den "gewalttätigen Weg" verlernen, sie erwerben höchstens die Kompetenz, neue Wege zu gehen - und diese Wege müssen lohnend bleiben.