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inzest in internatenDas Thema der Gewalt in Familien auch das der sexuellen Gewalt ist aktuell zu diskutieren, wenn Fälle von sexueller Gewalt aus den geschlossenen Systemen von Internaten an die Öffentlichkeit dringen. Weil die Lern- und Lebensgemeinschaft von Lehrenden und Lernenden als „Familie“ organisiert wird, nimmt es nicht Wunder, dass es zu vergleichbaren Missbrauchfällen kommen kann wie im System Familie. Darum wagen es jetzt erst Überlebende dieser sexualisierten Übergriffe in die Öffentlichkeit zu gehen, weil sie die Scham über das Erlittene daran hinderte oder der Gruppenzwang, der sie als „Nestbeschmutzer“ bezeichnete, ihre Leidensgeschichten nach so vielen Jahren des Schweigens öffentlich zu beschreiben.

Definition:
Das Wort Inzest stammt aus dem Lateinischen. Es verweist auf die Rein-Unrein-Bewertung, vor allem im sittlichen Bereich. Castus heißt keusch, züchtig, unschuldig, was die moralischsittliche aber auch sexuelle Ebene betrifft. Das Gegenwort incestus (Adj.) heißt unrein, befleckt, unsittlich, sündhaft.

Das Substantiv incestus umschließt einmal die Bedeutung von Unzucht zum anderen erweitert von Blutschande. Durch diese Erweiterung ist incestus auf die abweichende Sexualität in der Familie bezogen, genauer auf die Blutsverwandten. Aus dieser Verbindung von Unzucht und Blutschande entstand dann das Inzesttabu. Sexualverkehr als Unzucht unter Blutsverwandten wurde als Blutschande unter Strafe gestellt.

Die heutigen veränderten Familienstrukturen müssen auch bei der Definition von Inzest berücksichtigt werden und führen zu einer Erweiterung des betroffenen Personenkreises, weil nicht mehr nur Blutsverwandte unter einem Dach leben sondern eben auch Lehrer und Schüler in Internaten.

Der Begriff Unzucht legt nahe, dass sich jemand nicht „in Zucht nehmen“ kann. Der Unzüchtige lebt seine Sexualität unbeherrscht aus oder verliert die Kontrolle über sich. Unbeherrscht und ohne Selbstkontrolle handelt dann der Unzüchtige. Das Wort Blutschande spielt einmal auf die Blutsbande unter direkt Verwandten an, zum anderen auf die Schande der Tat, die durch Schändung geschieht. Das Opfer der Schande bleibt geschändet und befleckt zurück.

Die Unzucht mit Abhängigen, wie sie sich in den aufgedeckten Fällen darstellt, wird als eine Erweiterung des Inzesttabus verstanden und ebenso unter Strafe gestellt. Abhängigkeit der Schüler, auch wenn sie ihre Lehrer mit „Du“ anreden dürfen, beinhaltet trotzdem ein Machtgefälle, das missbraucht werden kann, weil durch Machtmissbrauch die Tat leicht ermöglicht und erleichtert wird.

Das Opfer erlebt durch diesen Machtmissbrauch die größte Vertrauenskrise, die Überlebende, wie sie sich selbst verstehen, oft ein Leben lang begleitet. Insofern ist die Bezeichnung „Seelenmord“ (Wirtz, S.21) für den Inzest angemessen und aussagekräftig.
Seelenmord meint beides:

(1) die aus dem Machtmissbrauch erwachsene sexualisierte Gewalt und
(2) die Zerstörung der Vertrauensbeziehung durch die Primärpersonen in der Familie oder Gruppe. Dieser Verrat am Kind/Schüler/Zögling durch vertraute Personen, auf die die Abhängigen für ihre emotionale Entwicklung besonders angewiesen sind, macht den Inzest für viele Überlebende zu einem Verbrechen.

Familien- und Gruppenstrukturen und Täterprofile
Neuere soziologische Untersuchungen zeigen, dass die Macht- und Herrschaftsstrukturen in der Inzestfamilie - wie auch in Lerngruppe - häufig einem traditionell patriarchalen Charakter entsprechen: Dieses zeigt sich vor allem in christlich geführten Internaten. Nach dem Neuen Testament (den Haustafeln des Epheserbriefes) ist „Herr im Hause“ der Mann. Die Kinder haben sich dem „pater familiae“, in welcher Gestalt auch immer, auch in ihren Bedürfnissen unterzuordnen, solange sie „die Füße unter seinen Tisch stellen“, d.h. vom allein sorgenden und versorgenden Familienoberhaupt oder Internatssystem abhängig sind. Diese geschlossene klassische Struktur macht die Tabuisierung des Inzestes besonders in patriarchal-christlichen Gruppen möglich.

Der „Patriarch“ kann über die Familienmitglieder herrschen und Gehorsam verlangen. Dadurch sind vor allem jüngere Kinder gefährdet, wenn sie zu strengem Gehorsam erzogen werden. Wie schon in Autobiographien berichtet wurde und jetzt durch Aussagen ehemaliger Internatschüler bestätigt wird, gilt diese Gefährdung für fundamentalistisch geführte Einrichtungen, in denen strengster Gehorsam gegenüber Autoritäten verlangt wird. Ungehorsam wird dann auch durch sexualisierter Gewalt bestraft: (z.B. schlagen auf den nackten Po / das Kind wird nackt übers Knie gelegt und spürt den erregierten Penis des Strafenden / die geschlagenen Wunden werden mit Salbe „gestreichelt.) Gewalttätigkeiten nach innen, vor allem gegenüber den schwächeren Kindern und Schülern,
werden durch das obligatorische DU verschleiert. Solche Männer werden zu „Haustyrannen“, die durch ein sehr hohes Maß an Willkür ihren Willen durchzusetzen versuchen. Diese Unberechenbarkeit in der Übergriffigkeit lässt die Angst in Inzestfamilien und -gruppen zum täglichen Erleben werden. („Abends holte er - der Schulleiter - sich einige Jungen in sein Zimmer zum gemeinsamen Onanieren.“)

Neben dieser mehr aggressiven wird auch die defensive Verhaltensweise beschrieben, dass nämlich der „Hausvater“ sich zum weiteren „Kind“ in der Gruppe/Familie zurückentwickelt. Ihren „Mit-Kindern“ gegenüber erklären sie das oft eigene kindlich-sexuelle Verhalten als „normal“. Sie tarnen es als Aufklärungsspiel, wie viele Opfer es später beschreiben. Zugleich zwingen sie aber die Opfer zum Schweigen.

Aus der Literatur ist ebenso bekannt, dass auch Mütter mit ihrem Sohn oder Tochter solche Aufklärungsspiele bis zur Penetration betreiben. Es würde mich nicht wundern, wenn auch Fälle aus Mädcheninternaten bekannt werden.

Beiden Verhaltensweisen die des „Haustyrann“ und des „Kindes“ lassen sich dem Typ des regressiven Pädophilen zuordnen. Er entwickelt ein solches Verhalten nicht erst später im Umgang mit seinen Opfern, es wird oft schon aus der Primärfamilie mitgebracht. Unter Wiederholungszwang suchen solche Pädophile erneut Einrichtungen, um in einem geschützten Raum, der oft auch ideologisch begründet wird, durch erleichterten Zugang zu Opfern sich in gelernten Mustern wohl zu fühlen. Die Beobachtung, dass Missbrauchte wieder missbrauchen, findet hier leider immer wieder ihre Bestätigung. Ob sich auch fixierte Pädophile oder sogn. Kernpädophile unter den Internatslehrern finden, muss genauer untersucht werden. Da dieser Typ der Pädophilen als kontaktarm und vereinsamt beschrieben wird, könnte er eher in Einrichtungen zu finden sein, die solchen Gruppen- und Familienzwängen nicht unterworfen sind (z.B. in Sportgruppen).

Zerstörte Vertrauensfähigkeit
Ohne Vertrauen in ihre häusliche/familiäre Geborgenheit haben es Kinder sehr schwer, sich selbst und den Menschen ohne Misstrauen zu begegnen. Wenn Ursula Wirtz-Weinrich für den Inzest das Wort Seelemord benutzt, ist ihr zuzustimmen. Sie bezieht das Wort auf die gestörte bis verhinderte Identitätsentwicklung sexuell Missbrauchter. Zu einer gesunden Identitätsentwicklung über das Urvertrauen hinaus gehört auch das Vertrauen zu den primären Bezugspersonen.

Wenn Väter/Lehrer ihren Kindern/Schülern sexualisierte Gewalt antun, nehmen sie ihnen die entscheidende Möglichkeit, vertrauensvolle Beziehungen zu ihren Mitmenschen auch außerhalb der Familie/Lerngruppe zu entwickeln.

Zur Angst vor willkürlichen Übergriffen tritt das Misstrauen als einem entscheidenden Lebensgefühl mit folgenden Konsequenzen hinzu:

Der Verlust der Intimsphäre des Kindes/Schülers.
Da der Inzesttäter beansprucht, zu jeder Zeit und beliebigen Gelegenheit in die Welt des Kindes einzudringen, sich des Kindes zu „bedienen“, wenn es ihnen günstig und gelegen erscheint, lebt das Kind in einer Atmosphäre dauernder Angst vor Übergriffen. Es hat keinen sicheren Zufluchtsort, keinen Ort der Geborgenheit, keinen Schutz vor Willkür, nicht einmal das eigene Bett oder ein eigenes Zimmer verschaffen Sicherheit. Der abendliche Griff unter die Bettdecke beim Gute-Nacht-Sagen lässt sich nicht mehr abwehren und wird erduldet. (Auch wenn ein Kind z.B. in der Familie versucht, den Täter dadurch abzuwehren, dass es den Hund mit ins Zimmer nimmt, lieber mit den Geschwistern zusammen schläft, die Tür mit Spielsachen verbarrikadiert, erweist sich der Täter als stärker.)

Das sich daraus entwickelnde Gefühl der Ohnmacht und Ausweglosigkeit führt schon früh zu Verzweiflungsphantasien wie Selbstmord als einzigen Weg der Befreiung aus der Zwangslage.

Die Entwicklung von Fluchtreflexen.
Da Täter die Gefühle der Opfer in ihrem Sinne zu manipulieren versuchen, um das eigene Gewissen zu beruhigen, „finden“ Kinder Überlebensstrategien, die dann später Schuld- und Schamgefühlen entstehen lassen, selbst mitschuldig zu sein.
Überlebensstrategien sind:

  • sich nicht waschen, um für den Täter unattraktiv zu sein;
  • Bestechungsgeschenke annehmen, um die Gewalt des Täters abzumildern;
  • Sich-schlafend-Stellen und Totstelleffekte einüben, um sich aus der Situation emotional zu entfernen (Dissoziationen);
  • Gefühl und Realität voneinander trennen, was zu Dissoziationen führt;
  • Gefühle vortäuschen, um den Täter ruhig zu stellen, damit er die Gefühlsverweigerung nicht erkennt und keine weiteren Handlungen erfolgen.

Die Zerstörung des Selbstwertgefühls.
Das missbrauchte Vertrauen zerstört auch die Selbstachtung. Weil Opfer das Gefühl nicht verlieren, „benutzt“ worden zu sein, gehen sie misstrauisch in jede neue Beziehung in der Erwartung, wieder ausgebeutet zu werden. Da sich Missbrauchte kein stabiles
Selbstwertgefühl aufbauen konnten, laufen sie immer wieder Gefahr, zum Opfer einer Ausbeutung zu werden. Dieser erlernte Mangel an Selbstvertrauen und Selbstachtung lässt sie

  • unterwürfig sein;
  • unfähig ihre wahren Gefühle auszudrücken und damit oft gefühllos erscheinen;
  • Ärger, Wut und Hass unterdrücken und autoaggressiv abreagieren.

Die Ohnmacht der Opfer und die Machtausübung der Täter
Wie ist es möglich, dass Überlebende von Inzesterfahrungen solange schweigen, dass erst wie zurzeit nach einer Generation über das Erlebte geredet werden kann? Die Macht über das Kind korreliert sehr hoch mit dem Schweigen des Kindes. Weil sich das Kind unendlich schämt, dass der (oft) geliebte Vater/Lehrer es missbraucht hat, wagt es nicht, diese „Schande“ aufzudecken. Das Opfer schweigt aus Angst vor der Schande, die es über die Einrichtung bringt, aus einem Rest von Scham, aus Selbstschutz und Selbstachtung heraus. „Ein Kind, das in der Familie missbraucht wird, lebt in einer besonders verwirrenden Gefühlswelt…Ein Zwiespalt, den diese Kinder nicht auflösen können: Der tagsüber liebende Vater oder Stiefvater, der so viel Gutes für einen tut, wird nachts zu einem Mann, der einem Dinge aufzwingt, die man nicht will oder die einen körperlich verletzen und im Innersten verstören.“ (Karremann)

Aus dieser Zerrissenheit heraus entwickeln Kinder eine Angst vor Stigmatisierung, „verklemmt“ zu sein, als „Spielverderber angesehen zu werden, ja sogar „selbst schuld“ an den Übergriffen zu sein, weil sie sich nicht gewehrt haben. Sie schweigen nicht nur durch das Schweigegebot der Täter. Was der Täter selbst angedroht hat, dass dem Opfer niemand glauben werde und es selbst die Verantwortung für den Missbrauch trage, entwickelt sich zu einer Art „self fulfilling prophecy“: das Opfer fühlt sich schuldig an seiner eigenen Schändung.

Täter setzen die emotional-manipulative Macht der Sexualität ein, um dadurch die Kontrolle über ihre Opfer bis ins Erwachsenenalter zu behalten. Sie zerstören das erwachende und wachsende erotische Empfinden des Kindes, indem sie das missbrauchte Kind zu erwachsenen Geschlechtspartnern manipulieren. Sie verhindern eine normale sexuelle Entwicklung und tragen zur Zerrissenheit zwischen kindlicher Neugier und kindlichem Empfinden durch die aufgezwungene Erwachsenensexualität bei. Das führt zu vielen
sexuellen Katastrophen im Erwachsenenalter.

Wege aus Schuld und Scham
Welche Überlebensstrategien haben rettenden und bewahrenden Charakter?

Welche Wege führen aus den Erniedrigungen und Demütigungen, die Inzestopfer erleben und erleiden mussten?

Überlebende sexualisierter Gewalterfahrungen suchen die Erlösung aus dem Selbsthass. Das befreit von Formen der Selbstbestrafung. Die schmerzhaften Gewalterfahrungen könnten dann in ein neues Selbstkonzept als wertvoller Mensch integriert werden. Das gilt für Mädchen und Jungen in gleicher Weise, unabhängig ob sie vom Täter oder der Täterin missbraucht wurden.

Ein entscheidender Schritt wird das Zulassen von Wut und Hass, von Vernichtungsphantasien gegen die Täter und ihre Institutionen sein. Da Opfer trotz des Schmerzes ihre „Vorbilder“ lieben und nicht vergessen, was auch Positives erlebt wurde, lassen sie diese Gefühle nicht oder nur schwerlich zu, weil sie glauben, selbst an den Übergriffen schuldig zu sein. Solche ungeklärten Schuldvorwürfe wiederum können zu Autoaggressionen in Form von Selbstbestrafungen führen.

Die Satzwahrheit: „Der Täter ist allein verantwortlich und deshalb schuldig“, kann befreiende Wirkung haben, bedarf aber der therapeutischen Unterstützung, um die selbstheilenden Kräfte im Opfer freisetzen zu können.

Vom Täter erwarten die Opfer ein Schuldeingeständnis und die Übernahme der Verantwortung für die begangenen Taten. Diese Übernahme kann nicht von einer Institution, in der die Taten sich ereigneten, übernommen werden.

Auch das verletzte Schamgefühl des Opfers bedarf der Heilung. Ein erster Schritt kann die Rückkehr in den eigenen Körper sein, durch die therapeutische Unterstützung der Aufhebung von Dissoziationen. Diese dissoziativen Selbstrettungen während des Missbrauchs sind immer wieder therapeutisch zu bearbeiten, wenn die Rückkehr in die Normalität sexuellen Erlebens gelingen soll.

Die Wiedergewinnung der Akzeptanz eigener Wertigkeit kann der letzte Schritt sein auf dem Weg aus Demütigung und Erniedrigung hinaus in ein neues Selbstwertgefühl.

Literatur:

Ursula Wirtz, Seelenmord. Inzest und Therapie, Stuttgart 6.Aufl. 1993;
Nathalie Schweighoffer, Die Opfer des Inzestes, Bergisch-Gladbach 1997
Ulrike M. Dierkes, „Meine Schwester ist meine Mutter“. Inzestkinder im Schatten der Gesellschaft,
Düsseldorf 1997
Dirk Bange/Wilhelm Körner (Hg.), Handwörterbuch Sexueller Missbrauch, Göttingen 2002
Manfred Karremann, Es geschieht am helllichten Tag. Die verborgene Welt der Pädophilen und wie
wir unsere Kinder vor Missbrauch schützen, Köln 2007

Quelle:

Prof. Dr. Herbert Ulonska

Westfälische Wilhelms-Universität Münster Zentrum für Lehrerbildung (ZfL)

Kinderschutzportal: www.schulische-praevention.de

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