Gewaltprävention

Hier schreiben Experten zum Thema Gewaltprävention im Kindergarten und in der Schule.

Suchtprävention

Themen sind: Suchtentwicklung, Suchtvorbeugung und Präventionsprojekte für Schulen.

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Was sind die Auswirkungen von Bewegungsmangel und wie kann man diesen vorbeugen.

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Ein wichtiges Thema unserer modernen Gesellschaft: Übergewicht und Adipositas.

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Handbuch II Gewaltprävention für die Sekundarstufe und die Arbeit mit Jugendlichen

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Handbuch III

Schule - Sucht - JugendlicheInhalt

Einleitung

1   Sucht: ein Thema für Kinder und Jugendliche

2   Handlungsmöglichkeiten für Schulen

3   Suchtprävention als Beitrag zur Gesundheitsförderung in Schulen

Literatur

 

Einleitung

“Also lautet ein Beschluss:
dass der Mensch was lernen muss. -- Nicht allein das A-B-C bringt den Menschen in die Höh'; nicht allein im Schreiben, Lesen übt sich ein vernünftig Wesen; - nicht allein in Rechnungssachen soll der Mensch sich Mühe machen; sondern auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören. – Dass dies mit Verstand geschah war Herr Lehrer Lempel da.”
(Wilhelm Busch zit. n. Beer 2002)

Wilhelm Busch bringt Ende des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck, was auch heute noch Gültigkeit hat, nämlich, dass Schulen und damit Lehrkräfte – hier Lehrer Lempel - einem gesellschaftlich formulierten Bildungsauftrag nachzukommen haben. In der Umsetzung des Bildungsauftrages wird auf Unterrichtskonzepte zurückgegriffen, die stetig verändert und weiterentwickelt wurden. Hier seien exemplarisch Konzepte wie Projekt- und Handlungsorientierung genannt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt wurden und in den 1990er Jahren erneut aufgegriffen wurden (vgl. Jank/Meyer 2005). Über das Unterrichtskonzept von Lehrer Lempel können wir nur spekulieren. Allerdings wissen wir, dass sich die Lebensbedingungen für die Kinder und Jugendlichen seit der Zeit von Max und Moritz – Ende des 19. Jahrhunderts – bis heute stark verändert haben.

Das betrifft auch die Schulen. In der Schulzeit, verstanden als Lebensphase, müssen die Heranwachsenden Entwicklungsanforderungen bewältigen, die durch starke Veränderungen geprägt sind (physisch, psychisch). Schulen haben als gesellschaftliche Institution für Kinder und Jugendliche eine besondere Bedeutung, sind sie doch die Institution, die alle Kinder und Jugendlichen aufgrund des gesetzlichen Auftrages (Schulgesetz) durchlaufen müssen. Schulen tragen nicht nur als Bildungseinrichtung, sondern auch als Sozialisationsinstanz - hier neben dem Elternhaus - eine besonders hohe Verantwortung. Damit verbunden sind Einflussmöglichkeiten auf die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. (vgl. Hurrelmann 2002)

Schaut man sich die Lebensphase „Kindheit und Jugend“ genauer an, ist zunächst festzustellen, dass die Heranwachsenden durch die „Verlockungen“ suchtgefährdenden Verhaltens (stoffungebundene Süchte) und psychoaktive Substanzen (stoffgebundene Süchte) besonders gefährdet sind.

Betrachtet man die letztgenannte Gruppe, wird beispielsweise anhand des Einstiegsalters deutlich, dass es für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen besonderer Strategien bedarf, um den Konsum psychoaktiver Substanzen ganz zu verhindern (zumindest illegaler Substanzen) oder doch zumindest das Einstiegsalter hinauszuschieben. Beim Einstiegsalter zeigt sich allerdings zurzeit ein negativer Trend im Zusammenhang des Konsums psychoaktiver Substanzen, das heißt Kinder und Jugendliche konsumieren zu
häufig zu einem zu frühen Zeitpunkt, was sich schädigend auf ihre körperliche und geistige Entwicklung auswirken kann. So wird

  • die erste Zigarette mit ca. 12,4 Jahren geraucht,
  • den ersten Vollrausch erleben Jugendliche durchschnittlich mit 13,8 Jahren und
  • der durchschnittliche Cannabiskonsument probiert erstmals mit 16,5 Jahren.

(vgl. BZgA 2001)

Neben der individuellen Problematik, die der Drogenkonsum für jede/n einzelnen mit sich bringt, ist die Drogenproblematik in Deutschland wie auch international auch von großer gesellschaftlicher Relevanz. Die alljährlichen Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), die nachstehend auszugsweise zusammen gestellt sind, verdeutlichen die Dimensionen:

  • ca. 1,5 Millionen Alkoholabhängige,
  • ca. 1,4 Millionen Medikamentenabhängige,
  • ca. 3 Millionen KonsumentInnen illegaler Drogen,
  • ca. 180.000 beratungs- und behandlungsbedürftigen SpielerInnen (bezogen auf alle Glücksspielformen),
  • ca. 100.000 Magersüchtige,
  • ca. 600.000 Ess-Brech-Süchtige,
  • ca. 110.000 bis 140.000 tabakbedingte Todesfälle,
  • ca. 40.000 bis 70.000 alkoholbedingte Todesfälle,
  • 1.385 Todesfälle (2004) im Zusammenhang mit dem Konsum illegaler Drogen,

(vgl. DHS 2005).

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen sollte unsere Gesellschaft nicht die Augen verschließen. Insbesondere die Schulen sind gefordert, sich dieses gesellschaftlichen Problems bei jungen Menschen anzunehmen, und gezielte Präventionsmaßnahmen zum Schutze der Individuen wie auch der Gesellschaft umzusetzen.

In den weiteren Ausführungen werden die Bedeutung der Sucht als Thema für Kinder und Jugendliche weiter erläutert und Handlungsmöglichkeiten in Schulen beispielhaft skizziert, um abschließend herauszustellen, dass Suchtprävention heute einerseits als notwendiger Bestandteil ins Standardangebot einer Schule gehört, andererseits in ein Gesamtkonzept von Gesundheitsförderung eingebunden werden sollte.

 

1   Sucht: ein Thema für Kinder und Jugendliche

„Es sind (…) die Bedingungen und Veränderungen in den Lebensverhältnissen unserer Kinder und Jugendlichen, in denen sich Problembelastungen und psychische Notsituationen verbergen. Hier finden sich Hinweise darauf, warum wir eine wachsende Zahl junger Menschen haben, die in der Familie und in ihrem Elternhaus, in der Schule und in den Gruppen der Gleichaltrigen bzw. in der Freizeit mit Stress, Überstrapazierung, mit Gefühlen der Überforderung konfrontiert werden, die nicht angemessen verarbeitet werden können.“

(Scholz 2001: 22)

Das Zitat wie auch die einleitend angesprochen Aspekte weisen darauf hin, dass sich die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen in den letzten 100 Jahren grundlegend verändert hat. Die Veränderungen umfassen die Familien, die Freizeitwelt, die Berufswelt, die „peer-groups“ und in besonderem Maße auch die Schulen.

Abbildung: Veränderungen der heutigen Lebenswelt

Einerseits haben die Veränderungen neben Vorteilen (u. a. Wahlmöglichkeiten, Individualität) auch eine Vielzahl an Nachteilen (u. a. Orientierungslosigkeit, Werteverfall, Gewalt, zu starker Medienkonsum) mit sich gebracht. Andererseits ist zu betonen, dass trotz der Fokussierung unterschiedlicher Problemlagen (z. B. Armut und Gesundheit bei Kindern) und der de facto bestehenden Probleme Kinder zu Beginn ihres Lebens in der Regel eine positive Ausgangslage vorfinden:

  • Die meisten Kinder kommen gesund auf die Welt.
  • Gesundheitsverhalten ist noch nicht festgelegt.
  • Kinder haben eine große Lernbereitschaft und –fähigkeit.
  • Stoffwechsel und Immunologie von Kindern werden nachhaltig „epigenetisch“ geprägt.
  • Mütter/Eltern/Väter interessieren sich für die Gesundheit ihrer Kinder; sie sind bereit, selbst etwas dafür zu tun.

(vgl. Bergmann/Bergmann 2004: 55 ff.)

Von dieser Basis ausgehend, bestehen die Chancen einer gesunden Entwicklung darin, Kompetenzen zu entwickeln, die zur Förderung und Erhaltung der eigenen Gesundheit dienen und zugleich helfen, Krankheiten (also auch Abhängigkeit) oder abweichendes Verhalten (also auch Missbrauch von psychoaktiven Substanzen) zu vermeiden. Umgekehrt liegen die Risiken darin, dass Anforderungen, denen Kinder und Jugendliche gegenüberstehen nicht bewältigt werden können, weil Bewältigungskompetenzen fehlen.

Was aber sind vor diesem Hintergrund die wesentlichen Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen? Hier sind insbesondere zu nennen:

  • Verarbeitung körperlicher und psychischer Veränderungen,
  • Auseinandersetzung mit der Geschlechterrolle,
  • Selbstbestimmte Identitätsbildung,
  • Aufbau eines Freundeskreises,
  • Ablösung von den Eltern,
  • Bewältigung schulischer Leistungsanforderungen und eventueller,
  • Leistungseinbrüche in der Pubertät,
  • Entwicklung eines eigenen Wertesystems,
  • Entwicklung einer eigenen Berufs- und Lebensperspektive,
  • Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Institutionen, Normen und Werten,
  • Auseinandersetzung mit den Angeboten des Konsummarktes, einschließlich der Medien, insbesondere mit Angeboten an gesundheitsgefährdenden Suchtstoffen und Angeboten des kommerziellen Freizeitmarktes

(Hurrelmann 2002).

Im Zuge einer gesunden Entwicklung müssen diese Aufgaben gelöst werden. Die damit einhergehenden Anforderungen gilt es mit Hilfe vorhandener bzw. zu entwickelnder Ressourcen in eine gesundheitliche Balance zu bringen. Gelingen diese Belastungs- und Bewältigungsprozesse im Sinne einer „produktiven Realitätsverarbeitung“ (Hurrelmann 2003: 61) nicht erfolgreich, kann abweichendes Verhalten und damit auch Drogenkonsum die Folge sein:

„Je größer im Leben eines jungen Menschen (das gilt auch für unsere Kinder und Schüler!) der psycho-soziale Druck ist, je stärker er das Gefühl hat, mit den Anforderungen, die an ihn gestellt werden nicht zurechtzukommen, je größer seine Angst ist, von den für ihn wichtigen Bezugspersonen nicht akzeptiert, verstanden, geliebt und geachtet zu werden, desto größer ist die Gefahr für ihn, den Weg aus seinen Problemen in der Droge oder in bestimmten Verhaltensweisen zu sehen. “

(Scholz 2001: 21)

Die einleitend vorgestellten Zahlen haben die gesellschaftlichen Dimensionen der Suchtproblematik bereits verdeutlicht. Speziell für die Gruppe der Schülerinnen und Schüler nennt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aktuelle Zahlen, die nachfolgend auszugsweise wiedergegeben werden:

  • 90 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben im Alter von 12 bis 15 Jahren mindestens einmal im Leben Alkohol getrunken.
  • 86 % der Befragten haben in den letzten zwölf Monaten alkoholische Getränke zu sich genommen.
  • Der Konsum von alkoholischen Mixgetränken wie Alkopops ist innerhalb von drei Jahren um knapp 20 % gestiegen.
  • 73 % der Altersgruppe der 16 bis 19-jährigen Jugendlichen hatten mindestens einmal in ihrem Leben einen Alkoholrausch.
  • Im Jahr 2004 rauchten 35 % der 12 bis 25-jährigen Jugendlichen, wobei 14 % davon ständige Raucher und 21 % Gelegenheitsraucher sind.
  • Das Durchschnittsalter liegt bei Beginn des täglichen Rauchens bei 15,6 Jahren.
  • Erfahrungen mit legalen Drogen (Tabak, Alkohol) erleichtern den illegalen Drogenkonsum - 5 % der „Nieraucher“ haben gegenüber 44 % der Raucher Cannabis genommen.

(vgl. BZgA 2004)

„Wir wissen, welche bitteren Folgen für den einzelnen Menschen eine Suchterkrankung hat und welchen Preis die Gesellschaft dafür zahlen muss. “

(Scholz 2001: 18 f.)

Wichtig ist in diesem Zusammenhang insbesondere nach den Gründen für Drogenkonsum bzw. süchtiges Verhalten zu fragen. In der „Europäischen Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen“ (ESPAD) wurden 2003 in 40 Ländern 11.043 Schüler und Schülerinnen der 9. und 10. Jahrgangsstufe (etwa 15/16 Jahre) befragt. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen meinten durch den Konsum alkoholischer Getränke

  • Spaß zu haben,
  • die Kontaktfreudigkeit steigern zu können sowie
  • Glücksgefühle und
  • Entspannung

hervorrufen zu können (vgl. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung 2004: 20 f.). Neben diesen positiven Aspekten des Alkoholkonsums, die in ähnlicher Weise auch für andere psychoaktive Substanzen wie auch süchtige Verhaltensweisen gelten, kann dem Drogenkonsum darüber hinaus eine wichtige Rolle als Bewältigungsstrategie zukommen. Drogenkonsum als Teil des normalen Entwicklungsprozesses kann u. a.

  • einen eigenen Lebensstil ausdrücken,
  • den Zugang zu Gleichaltrigen erleichtern und
  • die Unabhängigkeit von den Eltern demonstrieren.

Ist der Drogenkonsum einerseits als Bewältigungsstrategie in Teilen auch positiv zu sehen, sind andererseits diverse Risiken mit ihm verbunden. Als Beispiele sind u. a. zu nennen:

  • das Scheitern der Entwicklungsaufgaben,
  • das Risiko des Missbrauchs steigt,
  • der Substanzkonsum wird zum Ersatzziel und
  • das gesundheitliche Risiko steigt insgesamt.

Es ist grundsätzlich zu berücksichtigen, dass in der frühkindlichen Entwicklung, d. h. im Zeitraum vor der Einschulung (Alter bis 6 Jahre) die Weichen auch im Hinblick auf den Umgang mit psychoaktiven Substanzen gestellt werden. Darüber hinaus sind die Ursachen für jegliche Form von Sucht sehr vielfältig, was sich auch in den vielfältigen Erklärungsansätzen widerspiegelt. Folgt man dem heute akzeptierten, multifaktoriellen Erklärungsansatz, geht es um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, nämlich zwischen Person, Umwelt und psychoaktiver Substanz bzw. süchtigem Verhalten (vgl. Täschner 2002: 13). Begreift man Sucht als Ergebnis eines Lernprozesses, so ist diese weder als Charakterschwäche noch als unausweichliche Reaktion des Körpers auf eine Substanz zu verstehen, vielmehr ist sie immer auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft (vgl. Schnabel 2006: 33). Im Kontext negativer Sozialisationserfahrungen spielen neben der persönlichen Konstitution und Lebensgeschichte vor allem auch die sozialen Beziehungen, der Umgang mit Anforderungen und die gesellschaftliche Akzeptanz einer psychoaktiven Substanz bzw. von Verhaltensweisen eine große Rolle. Schutz- und Risikofaktoren gilt es, zu identifizieren und gezielt zu beeinflussen. Nachfolgend sind wesentliche Faktoren zusammen gestellt, die als Themen für schulische Suchtprävention Berücksichtigung finden sollten:

Suchtprävention an Schulen

Abbildung: Schutz- und Risikofaktoren

Insgesamt machen die Ausführungen deutlich, dass für die Kinder und Jugendlichen mit Drogenkonsum Chancen und Risiken verbunden sind, dabei jedoch Ambivalenzen auftreten, die es für die und mit den Heranwachsenden zu erklären gilt. Hierbei kommt zunächst dem Elternhaus, in jedem Fall aber der Schule als sekundärer Sozialisationsinstanz eine besondere Bedeutung zu.

 

2   Handlungsmöglichkeiten für Schulen

„Neben der Familie gewinnt die Schule in allen Industrieländern eine immer größere Bedeutung als Lern- und Erfahrungsraum für die Jugendlichen.“

(Scholz 2001: 22)

In der aktuellen WHO-Studie „Health Behavior in School-aged Children“, die auf einer Befragung im Jahr 2002 von 5.650 Schulkindern im Alter 11 bis 15 Jahren basiert, konnte nachgewiesen werden, dass der Schultyp in enger Beziehung zum Tabak- und Alkoholkonsum steht. Als Konsequenz hieraus wurden benannt zum einen Schultypenspezifische Präventionsansätze stärker einzufordern und zum anderen grundsätzlich Suchtprävention verstärkt im schulischen Kontext durchzuführen. (vgl. Richter/Hurrelmann
2004: 258 ff.)

Schule kann dabei sowohl für Verhältnisprävention (u. a. räumliche Gestaltung, Organisation der Schularbeit), insbesondere aber für Verhaltensprävention mittels pädagogischer Konzepte positiven Einfluss auf das Verhalten von Schülerinnen und Schülern nehmen. Bei der Durchführung von präventiven und gesundheitsfördernden Maßnahmen kommt der Schule auch deshalb heute eine besondere Rolle zu, weil sie wie keine andere Institution zum Teil bis weit in das zweite Lebensjahrzehnt (z. B. in der Dualen Berufsausbildung) Zugang und Einfluss auf das Leben von Kindern und Jugendlichen hat. Insbesondere in der Grundschule sind die Lehrkräfte heute oft eine wichtige oder sogar die zentrale Bezugsperson für die Anliegen ihrer Schülerinnen und Schüler, zum Teil gilt dies auch noch für Lehrkräfte in weiterführenden Schulen.

Mit der verlängerten Schulzeit haben sich eine Reihe von Problemen für die Heranwachsenden eingestellt. Nicht selten werden Schülerinnen und Schüler in der Schule mit Leistungsdruck, Rivalität unter Mitschülerinnen und -schülern sowie Ausgrenzung konfrontiert. Vor diesem Hintergrund kann es zu Überforderungen kommen, die dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche die Lösung der Probleme im Konsum psychoaktiver Substanzen oder in anderen Formen abweichenden Verhaltens (u. a. Gewalt) suchen. Der häufig sowohl im Elternhaus wie auch in den Schulen erzeugte psycho-soziale Druck steigt zum einen durch überzogene Bildungsansprüche, zum anderen durch fehlende finanzielle Selbständigkeit, die den Heranwachsenden häufig das Gefühl von starker und lang andauernder Abhängigkeit gegenüber den Bezugspersonen, insbesondere den Eltern, gibt.

Gerade deshalb sollte die Schule neben den notwendigen Leistungsanforderungen versuchen, die Belastungen, die z. B. mit Leistungsversagen einhergehen, gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen aufzufangen und sie unterstützen, diese auszugleichen. Geschieht dies nicht und bleiben die Heranwachsenden mit ihren Ängsten und Sorgen alleine, können sich psychosoziale Erkrankungen herausbilden, wie u. a. der schleichende Weg über den Missbrauch in die Abhängigkeit. (vgl. Scholz 2001: 23 f.)

Die Schule kann zwar nicht für solch eine Entwicklung allein verantwortlich gemacht werden, aber sie hat die Möglichkeit, gegen eine derartige Entwicklung frühzeitig mit pädagogischen Mitteln einzulenken. Dies ist ein Grund dafür, dass seit vielen Jahren schulische Suchtpräventionsprogramme diskutiert und realisiert wurden. Suchtprävention hat sich auf der Suche nach passenden Ansätzen („good-practice“) im Laufe der Jahre stark verändert, wie die nachfolgende Abbildung skizziert:

Entwicklung der Suchtprävention an Schulen

Abbildung: Entwicklung der Suchtprävention

Wolf-Dieter Scholz bringt die Anforderungen an zeitgemäße Suchtprävention wie folgt zum Ausdruck:

„Die schulischen Bemühungen um die Verstärkung von Wissens-, Einstellungs- und Bewältigungskompetenzen müssen mit motivationalen und affektiven Dimensionen des Handelns und Verhaltens verknüpft werden, um nachdrücklich verhaltensrelevant zu wirken.“ (Scholz 2001: 21)

Ergebnis der bisherigen Entwicklung von Suchtpräventionsansätzen ist darüber hinaus, dass die Entstehung von Suchtproblemen heute nicht mehr einseitig erklärt wird und multidimensionale Modelle favorisiert werden. In der Schule werden deshalb verstärkt umfassende Konzepte zur Lebenskompetenzförderung (Life-skill-Ansätze) eingesetzt, die die Schülerinnen und Schüler bei der Bewältigung ihrer spezifischen Lebenssituation unterstützen sollen. Im Wesentlichen geht es bei den präventiven Maßnahmen um die
Stärkung und Förderung personaler Ressourcen. Dabei sollten geschlechtsspezifische Aspekte eine wichtige Rolle spielen. (vgl. Jungblut 2004: 272)

Damit derartige Ansätze in Schulen auch tatsächlich umgesetzt werden, müssen strukturelle Voraussetzungen geschaffen werden. Das Bundesland Niedersachsen hat dazu 1992 einen landesweit gültigen Erlass unter der Bezeichnung „Suchtprävention und Verhalten bei Suchtproblemen an niedersächsischen Schulen“ verabschiedet. In diesem wird wohlgemerkt seit mittlerweile 15 Jahren das Vorgehen in niedersächsischen Schulen im Zusammenhang mit „Drogenvorfällen“ verbindlich regelt. 2005 hat das Thema
Rauchen und Alkoholkonsum in Niedersachsen erneut Aufmerksamkeit durch den Erlass „Rauchen und Konsum alkoholischer Getränke in der Schule“ erfahren, der das Rauchen und den Konsum alkoholischer Getränke im Schulgebäude und auf dem Schulgelände während schulischer Veranstaltungen sowie bei Schulveranstaltungen außerhalb der Schule nun gänzlich verbietet. Nicht zuletzt in diesem Zusammenhang sind suchtpräventive Aktivitäten von Seiten der Schulen sowohl für die Schülerinnen und Schüler wie auch für die Lehrkräfte und letztlich die Eltern unerlässlich.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass Schulen aus vielerlei Gründen suchtpräventive Maßnahmen umzusetzen haben und letztlich auch umsetzen. Abschließend werden nun Überlegungen zur Einbindung der Suchtprävention in ein Gesamtkonzept von Gesundheitsförderung in Schulen skizziert.

 

3   Suchtprävention als Beitrag zur Gesundheitsförderung in Schulen

„Eine erfolgversprechende schulische Präventionsarbeit muss von der Intention geleitet sein, mit pädagogischen Mitteln die Kinder und Jugendlichen stark zu machen. Sie müssen befähigt werden, in einer komplexen, schwierigen, aber eben auch schönen Welt so selbstbewusst und selbstsicher die Herausforderungen ihres Lebens anzunehmen und zu bewältigen, dass sie dazu weder legale noch illegale Drogen benötigen oder in stoffungebundene Süchte fliehen.“

(Scholz 2001: 25)

In Anlehnung an Anja Leppin u. a. (2000) können diese Überlegungen von Wolf-Dieter Scholz weiter differenziert werden. Hervorzuheben ist, dass präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen nur gelingen können, wenn folgende Punkte erfüllt werden:

  1. Prävention sich nicht nur auf die Verhaltensebene von Schülerinnen und Schülern beschränkt, sondern auch soziale, räumliche und ökologische Bedingungen der Schule mit einbezogen werden.
  2. Lehrkräfte sich nicht nur als Vermittler verstehen, sondern die Anregungen auch auf ihr eigenes Leben beziehen.
  3. Prävention eingebunden ist in eine umfassende Strategie der Gesundheitsförderung und Fächer übergreifend stattfindet.

(vgl. Leppin u. a. 2000: 17)

Wird Suchtprävention, wie im dritten Punkt gefordert, in den Kontext der Gesundheitsförderung gestellt, geht es insbesondere darum, gesundheitsfördernde Bedingungen im Unterricht, im Schulleben und in der schulischen Umwelt zu realisieren. Die Themenschwerpunkte der Gesundheitsförderung sind dabei unterschiedlich und vielfältig, wie z. B.:

  • Ernährung,
  • Bewegung,
  • Stressreduktion/Entspannung,
  • Umgang mit Genuss- und Suchtmitteln und
  • Gewaltprävention.

Speziell das Thema „Umgang mit Suchtmitteln“ ist somit nur ein Thema in der Gesundheitsförderung. Gesundheitsfördernde Projekte (u. a. gesundheitsrelevante Lebensweisen, gesundheitsförderliche Lebenslagen, Lebenskompetenzförderung) haben natürlich auch positive Auswirkungen auf den Umgang mit Suchtmitteln. Gleichwohl bedarf es aufgrund der besonderen Risiken und Gefährdungen, denen Kinder und Jugendliche durch psychoaktive Substanzen ausgesetzt sind und den angesprochenen Ambivalenzen im Umgang mit Drogen auch weiterhin spezieller suchtpräventiver Maßnahmen im schulischen Kontext. In diesem Zusammenhang reicht es nicht, allgemeine Ziele der Gesundheitsförderung zu verfolgen, vielmehr bedarf es besonderer suchtpräventiver Zielsetzungen. Hier sei nochmals auf das zentrale Ziel von Suchtprävention verwiesen, nämlich die Verringerung des Konsums psychoaktiver Substanzen und der durch schädlichen Gebrauch von legalen und illegalen Substanzen assoziierten Krankheiten und Todesfälle (vgl. Drogenbeauftragte der Bundesregierung 2004). Dieses Ziel zu erreichen, kann Schule wichtige Beiträge leisten, die nachfolgend zusammengefasst sind:

Suchtprävention als Beitrag der Gesundheitsförderung

Abbildung: Schulische Suchtprävention als Beitrag zur Gesundheitsförderung

Sowohl in der Suchtprävention wie auch in der Gesundheitsförderung ist zu beachten, dass die Projekte und Maßnahmen nicht etwas sind, was an Fachleute delegiert werden sollte, vielmehr sind Gesundheitsförderung wie auch Suchtprävention als Gemeinschaftsaufgabe zu verstehen. Für Schule bedeuten diese Überlegungen einerseits, dass sie wichtige unterstützende Aufgaben wahrnehmen kann, andererseits kann Schule kein Reparaturbetrieb gesellschaftlicher Fehlentwicklungen sein. „Nur in einem übergreifenden System von Prävention und Intervention, das auch Familie und Gemeinwesen integriert, kann das Subsystem Schule seine Rolle als Instanz der Gesundheitsförderung sinnvoll entfalten.“ (ebd.)

Eine abschließende Einschätzung zur weiteren Umsetzung von Aktivitäten in der Suchtprävention und Gesundheitsförderung, das heißt zu den Perspektiven dieser Themen in Schulen ist in Anbetracht der schwierigen Rahmenbedingungen im deutschen Schulwesen nicht verlässlich abzugeben. Vor dem Hintergrund der Vielzahl bereits realisierter gesundheitsförderlicher Projekte in Deutschland (vgl. u. a. die Datenbank www.gesundheitlichechancengleichheit. de: über 2.800 Projekte) wie auch spezieller Präventionsprojekte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien (108 Präventionsprojekte; Kalke u. a. 2004) sollte dieser Weg auch weiterhin erfolgreich beschritten werden, geht es doch um die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen. Mit den Worten von Wolf-Dieter Scholz lässt sich dazu sagen:

„Als Pädagoge bin ich dem positiven Denken verpflichtet.“

 

Literatur

Beer, U. (2000): Wilhelm Busch. Lausbub – Lästermaul – Lebensweiser. Stolzenau.

Bergmann, K. E./Bergmann, R. L. (2004): Prävention und Gesundheitsförderung im Kindesalter. In: Hurrelmann, K/Klotz, T./Haisch, J. (Hrsg.): Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung. Bern/Göttingen/Toronto/Seattle: 55-62

Botvin, G. J. (2000): Preventing drug abuse in schools: social and competence enhancement approaches targeting individual-level etiological factors. Addictive Behaviours 25: 887-897.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (2001): Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2001. Köln.

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (Hrsg.) (2005): Jahrbuch Sucht 2006. Geesthacht.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung (2004): Sucht- und Drogenbericht 2004. Berlin.

Hentig, H. von (1993): Die Schule neu denken. München/Wien.

Hurrelmann, K. (2003): Gesundheitssoziologie – Eine Einführung in sozialwissenschaftliche Theorien von Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung. Weinheim/München.

Hurrelmann, K. (2002): Einführung in die Sozialisationstheorie. Weinheim/Basel.

Jank, W./Meyer, H. (2005): Didaktische Modelle. Berlin.

Jungblut, H. J. (2004): Drogenhilfe – Eine Einführung. Weinheim/München.

Kalke, J./Raschke, P./Kern, W./Lagemann, C./Frahm, H. (2004): Handbuch der Suchtprävention - Programme, Projekte und Maßnahmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Freiburg im Breisgau.

Kuß, G./Scholz, W.-D./Tielking, K. (Hrsg.) (2001): Oldenburger Präventionssymposium: Suchtprävention als Beitrag zur Gesundheitsförderung in Schulen - Im Rahmen der schulischen Präventionsmaßnahme `Sign´. Oldenburg.

Leppin, A./Hurrelmann, K./Petermann, H. (Hrsg.) (2000): Jugendliche und Alltagsdrogen. Neuwied/Kriftel/Berlin.

Meyenberg, R./Scholz, W.-D./Buismann, W. (1993): Jugendliche und Drogen. Das Thema Sucht in Schule und Unterricht. Hannover.

Richter, M./Hurrelmann, K. (2004): Sozioökonomische Unterschiede im Substanzkonsum von Jugendlichen. In: SUCHT – Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis. 50. Jg., Heft 4/2004, Hamm: 258 – 268.

Schnabel, U. (2006): In der selbstgebauten Falle. In: Die Zeit. 21/2006, Hamburg: 33-36.

Scholz, W.-D. (2001): Das Thema Sucht in Schule und Unterricht. In: Kuß, G./Scholz, W.-D./Tielking, K. (Hrsg.) (2001): Oldenburger Präventionssymposium: Suchtprävention als Beitrag zur Gesundheitsförderung in Schulen - Im Rahmen der schulischen Präventionsmaßnahme `Sign´. Oldenburg: 17-28.

Täschner, K.-L. (2002): Rauschmittel: Drogen Medikamente – Alkohol. Stuttgart.

 

Quelle:

Tielking, Knut (2007): Schule - Sucht - Jugendliche. In: Busch, Friedrich W./Wätjen, Hans-Joachim (Hrsg.): Oldenburger Universitätsreden: Vorträge - Ansprachen - Aufsätze. Nr. 171. Oldenburg: 25 - 41.

 

Zum Autor:

Tielking, Knut (1967)
Prof. (phil.), Dr. (rer. pol.), Verwaltungsprofessor für Versorgungsforschung an der FH Emden-Leer im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Privatdozent (PD) an der Fakultät Bildungs- und Sozialwissenschaften der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.Berufstätigkeiten: Gärtner, Sanitäter, Bankkaufmann. Studium für das Diplom- Handelslehramt an der Universität Oldenburg (1991-1995), anschl. Referendariat. Von 1996 bis 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter in Lehre und Forschung an der Universität Oldenburg. Promotion im Jahr 2000, Habilitation 2005. Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Gesundheits- und Qualitätsmanagement in der Sucht- und Sozialarbeit.

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